Leder-Unikate von „maronellis.com“: Billigware statt Handarbeit
Sobald Werbeanzeigen von einem kleinen Familienbetrieb berichten, der leider schließen muss, ist Vorsicht angebracht. Besonders dann, wenn eine angebliche Reportage Eindrücke vom großen Ansturm auf die letzten handgefertigten Einzelstücke liefert. Wie problematische Onlineshops funktionieren und wie die Kriminellen ihre Opfer anlocken – eine Analyse am Beispiel „maronellis.com“.
Kommt Ihnen die Geschichte bekannt vor? Traditionsreicher Familienbetrieb wird von großem Konzern geschluckt und verkauft deshalb seine letzten handgefertigten Erzeugnisse zum Schleuderpreis! Schon einmal gehört? Ja? Kein Wunder, bedienen sich doch Betreiber problematischer Online-Shops seit einiger Zeit exakt dieser emotional aufgeladenen Story. Das ÖIAT hat im Vorjahr eine Erhebung zu derartigen Stores durchgeführt, die beeindruckende Ergebnisse geliefert hat. Hier geht's zur Schwerpunkterhebung
Eine zuletzt häufiger gemeldete Website treibt die Sache mit der Hintergrundgeschichte auf die Spitze. Es geht um die angebliche Ledermanufaktur „Maronelli“, beheimatet in Italien, gemeinsam geführt von Vater Enzo und Tochter Sofia. Die in mühevoller Kleinarbeit gefertigten Taschen, Jacken, Schuhe etc. stehen für allerhöchste Qualität: „Made to last decades, not seasons“ (Gemacht, um Jahrzehnte zu überdauern, nicht Jahreszeiten). Wer bei den Maronellis bestellt, bekommt aber keine italienische Top-Qualität, sondern - wenn überhaupt - qualitativ minderwertige Ware aus China.
Werbeanzeigen locken in problematische Shops
Für alle, die sich jetzt die Frage stellen, wie man überhaupt in so einem Onlineshop landen soll, kommt hier die Antwort: Über Werbeanzeigen. Die begegnen uns an allen Ecken und Enden des Internets.
Im Fall von „maronellis.com“ berichtete ein Geschädigter etwa von einer Anzeige auf einem großen deutschen Web-Portal, getarnt als vermeintlicher News-Artikel. Illustriert mit zahlreichen KI-generierten Bildern, erzählt der Artikel die Geschichte des angeblichen kleinen Familienbetriebs von der Gründung 1996 in der Toskana bis zur drohenden Übernahme.
Es beginnt mit einem Foto, das eine lange Schlange wartender Kund:innen vor der angeblichen Ledermanufaktur zeigt, garniert mit einer reißerischen Überschrift.
Auf einem weiteren Bild ist Enzo Maronelli zu sehen, in seinem Geschäft, umringt von Kundschaft.
Es folgt ein Vor-Ort-Interview mit „Sabine (52)“. Sie war immer schon ein großer Maronelli-Fan, konnte sich die Handtaschen aber nie leisten. Deshalb ist sie heute hier zur Manufaktur gereist, um diese einmalige und letzte Gelegenheit zu nutzen!
um sich eine der begehrten Taschen zu sichern.
Überhaupt begegnen uns im Artikeltext zahlreiche Elemente, die Druck ausüben sollen.
-
Rabatte von bis zu 80 %.
-
Das Ende des Verkaufs am 31. Jänner.
-
In „rasantem Tempo“ schwindende Restbestände.
-
Nur noch 312 erhältliche Taschen – von ehemals 14.027.
Um der „großen überregionalen Nachfrage gerecht zu werden“, sei der „Online-Zugang ab sofort über die offizielle Website des Ateliers“ verfügbar.
Besagter Zugang ist dann gleich sechsmal im Artikel zu finden. Als großer roter Button mit der Aufschrift „Jetzt prüfen, ob noch Restposten verfügbar sind ->“ Der Klick auf den Button führt direkt in die Taschen-Abteilung des problematischen Shops – der neben Englisch und Deutsch noch in zahlreichen weiteren Sprachvarianten verfügbar ist.
Fake-Reviews für Seriosität! Vermeintliche Erfahrungsberichte von zufriedenen Kund:innen am Ende des Artikels sollen das Bild eines seriösen Unternehmens vermitteln. Natürlich sind die Reviews – wie alles an diesem Artikel – nicht echt.
Maronellis.com in der Google-Werbebibliothek
Ein kurzer Check in der Werbebibliothek von Google zeigt, wie stark die Kriminellen die Marke „Maronelli“ im letzten Monat gepusht haben. Eine Suche nach der Domain „maronellis.com“ liefert für die letzten 30 Tage über 300 Treffer – also über 300 Werbeanzeigen in unterschiedlichen Sprachen. Davon waren 48 allein für Österreich gedacht. Diese Ads führen direkt in den Shop, der Umweg über den dargestellten Artikel entfällt.
Unten: Die Resultate für Österreich.
Die Agentur im Hintergrund: Laut Werbebibliothek steckt „Aurelius Ecommerce LLC“ hinter den Anzeigen für maronellis.com. Eine Werbeagentur mit Sitz in den USA. Google zufolge hat der Werbetreibende seine Identität durch Vorlage der benötigten Dokumente bestätigt. Eine kurze Recherche zur tatsächlichen Existenz der Agentur hat allerdings keinen Treffer gebracht.
Maronelli oder Bellatorri? Hauptsache Italien!
Wer den vermeintlichen Artikel zur angeblichen Übernahme aufmerksam liest, stolpert im Abschnitt mit der Überschrift „Wer ist Enzo Maronelli?“ über einen neuen Namen. Plötzlich heißt der legendäre Leder-Künstler nämlich Bellatorri mit Nachnamen. Was es damit auf sich hat?
Die Erklärung ist relativ einfach. Die Kriminellen betreiben mehr als nur einen Online-Shop. Aus finanzieller Hinsicht eine nachvollziehbare Entscheidung, mehr Stores bedeuten mehr Opfer bedeuten mehr Geld. Bei der Anpassung der Texte dürfte allerdings ein Fehler passiert bzw. ein „alter“ Familienname übersehen worden sein. Dadurch rutschte ein „Bellatorri“ in den Maronelli-Shop.
Eine kurze Google-Suche nach „Bellatorri“ und „Handtaschen“ liefert den anderen problematischen Shop als Treffer. Das Design ist identisch mit jenem von „Maronelli“, die erzählte Geschichte ebenso.
Hinter beiden Websites steckt dieselbe Masche: Den Opfern wird vorgegaukelt, es mit einem familiengeführten Kleinbetrieb aus Italien zu tun haben, der handgefertigte Top-Produkte vertreibt. Tatsächlich erhalten Besteller:innen aber auch hier qualitativ minderwertige Ware aus China.
Im problematischen Online-Shop eingekauft? Das können Sie jetzt tun!
Wer in problematischen Shops wie „maronellis.com“ einkauft, ist zwar nicht an direkt an einen Fake-Shop geraten. Spätestens bei der Öffnung des erhaltenen Pakets gibt es aber, wie eben erwähnt, eine böse Überraschung. Wir raten zu folgender Vorgehensweise:
-
Haben Sie per Kreditkarte bezahlt, kontaktieren Sie das Anbieterunternehmen und schildern Sie die Situation! Die Expert:innen wissen, ob eine Rückbuchung möglich ist.
-
Bei Zahlungen mit PayPal, Klarna oder anderen Dienstleistern greift in derartigen Fällen oft der Käuferschutz. Kontaktieren Sie den Kundenservice und schildern Sie die Situation!
-
Von einer Rücksendung raten wir ab! Die Kosten übersteigen meist den Warenwert. Zudem ist nicht sicher, dass überhaupt eine Rückerstattung stattfindet.